Freitag, 19. Juni 2015

Brief an eine junge Frau

Realität
Brief an eine junge Frau
Wo Realität ans Unerträgliche geht...



So lange hatte ich nichts von Dir gehört... 
Als ich Deinen Namen in meinem Nachrichtenfeld sah, hab ich mich gefreut.






Das ist so, bei meiner Arbeit. 

Es gibt diese Menschen, die fallen einem auf, weil sie freundlich sind, weil sie der Gemeinschaft beitragen und ab und an auch mal einen Scherz mitmachen. 

Und ich wusste, dass ich Dich einmal um einen Gefallen gebeten hatte bei dem Du nicht lange gezögert hast, sondern sofort gesagt hast, es wäre eine Freude, ein bisschen von dem zurück zu geben, was Du von uns hier bekommen hast.

Als ich dann Deine Zeilen gelesen hatte ist mein Blick wirr über die Nachricht gehüpft, hin und her, flehentlich habe ich gesucht, dass ich mich irgendwo verlesen hätte, dass das nicht stimmt, was da steht, habe gesucht nach einem Hinweis der sagt, das ich irre und vor allem, dass bei dem, was da steht nicht Du gemeint bist, sondern irgendjemand anderer. 
Denn Du bist doch viel zu jung.

Aber nein. 

Auch nach dem vierten, fünften und sechsten Mal lesen stand das noch immer da: 
Du hast Krebs. 

...

Es ist überall, es ist kaum aufzuhalten und bis zum Unvermeidlichen ist es vielleicht nicht mehr lang. Monate, Wochen. Wer weiss das schon?


Nichts funktioniert mehr, wie es soll, Dein Leben hat sich gewandelt zu einer endlos anmutenden Reihe von Untersuchungen und Nachbesprechungen. Du spürst die Beeinträchtigungen bereits deutlich.


Und dann erinnerst Du Dich an die Zeit bei uns, in der Du so eine sehr viel bessere Lebensqualität hattest. Fragst mich, ob ich einen Tipp hätte, was eventuell noch ein bisschen davon geben zurück geben könnte von dieser Qualität -  jetzt, wo es schlecht steht. 

Und entschuldigst Dich bei mir für die Störung.


Ach... meine liebe,.... Du solltest uns alle so dermassen stören dürfen!

Wir mit unseren kleinen Sorgen und unserem unbedachten Umgang mit der Zeit, von der wir so viel mehr haben als Du. 

Wir, die wir so unbedacht mit unserer Gesundheit umgehen und darauf vertrauen, dass alles irgendwie schon gut gehen wird.


Du solltest es uns allen laut ins Stammhirn ritzen dürfen, was Du mir schriebst:
"Tut mir so leid, dass ich Dich mit meinem 'Elend' so belaste. 

Ist es aber - Ich bin Mensch, ich hätte noch sooo viel vorgehabt. Zu lachen. Zu lieben. Zu leben."

Es trifft. Mitten hinein. Die Trauer lässt alles wie Zeitlupe fühlen.

"Am liebsten würde ich rausschreien, wie wichtig es ist, gute Dinge JETZT zu tun ... und nicht 'bald', irgendwann, demnächst....  10 Jahre früher KK, was wäre wenn gewesen, Wer weiss... das geht mir leider so oft durch den Kopf... auch wenns genau kontraproduktiv ist in meiner Lage."

Es tut mir so unendlich leid, dass wir zu spät sind. So leid.


Natürlich muss das unweigerlich einmal passieren - bei so vielen Mitgliedern, die wir beisammen sind muss das vorkommen, es ist normal. 

Aber ist es nicht Wahnsinn, dass wir diese Normalität hinnehmen? 
5 alleine in meinem Umfeld, in den letzten 3 Jahren. Mit all dem Leid. 
Und am Ende all der Trauer... Ich will das nicht mehr. Es ist unerträglich.


"Und du, lieber Nico - gerade jetzt um so mehr: es ist so wichtig und so unglaublich gut, was du für uns zusammenträgst, erforschst und auf deine unvergleichliche Art vermittelst. Das ist es... Warum du diesen Kampf führst... Tschaka"

Ich verspreche es. Wo immer die Kraft übrig ist, werde ich nicht müde werden, weiter zu kämpfen. Für jedes einzelne verdammte Mal, bei dem wir nicht zu spät sein werden. Zumindest eine Wahl sollten die Menschen haben, wenigstens das. Das letzte Wort meines Podcasts hat nun untrennbar verbunden einen Namen, und ein Gesicht bekommen.


Was immer wir für Dich tun können, sag es uns. 

Unsere Gruppe hat so tolle Menschen beisammen, ich habe erlebt, was für positive Dinge bei uns möglich sind. 

Und ich bin sicher, wir werden jetzt alle an Dich denken, Dir Kraft und positive Wünsche schicken. Und Mut.

Und sind da, wenn Du uns brauchst.







Bis später.




1 Kommentar:

Andrea B hat gesagt…

Lieber Nico... du bist nicht zu spät.. du hast sooo vielen Mensch bisher geholfen, nicht nur du sondern auch viele um dich herum. Entschuldige dich nicht bei ihr das ihr zu spät seit, auch wenn ich deine Gefühle und deine Gedanken nachvollziehen und verstehen kann. Du kannst uns alle nicht retten aber du kannst ,und das tust du schon ,eine ganze Menge dazu beitragen das einiges anders wird, das Leute anfangen nachzudenken und Sachen auf den Grund gehen.
Wir werden immer wieder liebe Leute um uns herum gehen lassen müssen, auch wenn sie nie wirklich gehen, sondern immer ein Teil bleiben werden... auch wenn es mit viel Trauer und Kraft verbunden ist solche Sitautionen zu meistern und liebe Menschen um einen rum gehen zu lassen.
Du hast soo viele Leute in der tollen Gruppe die vollkommen hinter dir stehen und dir sooo dankbar sind für das was Du leistest und was du aufdeckst, entschuldige dich doch bitte nicht dafür das du das nicht eher getan hast. Wichtig ist das du es machst!!!

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