Samstag, 1. September 2018

Es gibt [keinen] Reis, Baby.

Lebens(!)mittel-Lupe
Es gibt [keinen] Reis, Baby.
Zumindest bei uns [nicht]. Und hier ist wieso.


Die Intention ist toll! 
Mütter, die ihren Kinderbuggy-Insassen anstatt einem Nestel-Kinder-Keks-Quatsch mit 8 integrierten Würfelzuckern als Knisper-Knusper-Spass lieber alternativ eine Reiswaffel in die Patschehändchen drücken. Mit dem guten Gefühl, etwas Vernünftiges zu tun.

Und wieder landen wir unsanft auf dem Boden der Realität, wenn wir nur etwas näher hinschauen. Verdammt aber auch!





Etwas über zwei Jahre ist es nun her, da ist eine Meldung leider eher untergegangen, die eigentlich viel lieber alle erreichen hätte sollen. 

Unser Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stellte damals fest, dass da beim Reis wohl etwas schief läuft.

Um es klarzustellen: Ich mag den BfR-Laden aus sehr guten Gründen überhaupt nicht und ich zögere sehr, ihn zu zitieren. Und das nicht zuletzt deswegen hier.

Aber wenn selbst DIE einmal vor Lebensmitteln warnen, dann lohnt der nähere Blick auf das Problem meiner Meinung nach auf jeden Fall.

Selbst wenn natürlich der Gedanke aufkommen könnte, dass unsere Landwirte vor Ort eher zurückhaltend beim Reis-Anbau sind und das BfR nunmal dem Bundesland-wirtschafts-ministerium untersteht. 


Also: Da sagen, die doch dass Reis und Reisprodukte ziemlich viel Arsen enthalten.
Und Arsen ist jetzt mal nicht unbedingt das, was man in Lebens(!)mitteln erwarten würde.
Es sei denn, man hat einen neidischen nahen Verwandten mit Spitzenhäubchen - und man selbst hat gross im Lotto gewonnen.


Und weiter sei bei den Untersuchungen aufgefallen, dass "zum Beispiel Reiswaffeln höhere Gehalte an anorganischem Arsen aufweisen als Reiskörner". 

Und in diesem Dokument schrieben sie dann

"Der zweithöchste Gehalt an anorganischem Arsen wurde für die Gruppe der Säuglingsnahrung auf Reisbasis ermittelt".

Was natürlich blöd ist, wenn - wie sie ebenfalls feststellen - ausgerechnet die kleinsten der kleinen auf Arsen in wesentlich weniger hohen Dosen schon wesentlich weniger vorteilhaft reagieren.

Es wurden dann von der EFSA ( = Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit) mal wieder Grenzwerte festgelegt und gehofft, die Lebensmittel-Industrie würde das schon selbst und in Eigenverantwortung regeln...



Und - OH WUNDER - wie man nun erfährt sind (die Grenzwerte so festgelegt worden, dass die Industrie diese für Arsen) in einer aktuellen Untersuchung tatsächlich bei allen getesteten Produkten unterschritten.

Jubel? Friede, Freude, Reiskuchen? Feierabend?
Äh... nein, leider noch lange nicht.


Denn die Stiftung Warentest verpasst aktuell bei gleich 6 von 31 Produkten die Note mangelhaft. Und die Begründung, die hat es wirklich in sich!


Phosphan, Tricyclazol, Carbendazim, Thiamethoxam,  Aflaxtoxin B1 und Methylbromid...
Pestizidrückstände, wohin das tränende Auge reicht.

Bei zwei der Sorten waren die Grenzwerte derart überschritten, dass man den Reis so eigentlich gar nicht hätte verkaufen dürfen!

Das waren der 

- Basmati-Reis von Fair East (fair, soso) und der 
- Satori Asian Style Basmati-Reis gekocht (Mikrowellen-Reis) von Netto Markendiscount.

Und es geht weiter mit den Hiobsbotschaften:

- Basmati Reis Vollkorn von Alnatura (bio!) und der 

- Bio Basmati Reis Vollkorn von dm waren beide mit Phosphan belastet.

Blablabla unter Grenzwert, Ihr wisst ja > aber(!):
Phosphan ist bei Ökoreis verboten!

Mein Bauchweh gegenüber dem Alnatura-Label hat sich so erneut gerechtfertigt gezeigt. Was macht Ihr denn bitte für einen Scheiss, Ihr bringt eine ganze Branche in Verruf!?
Ja, Du auch, dm!


Aber den Knüller habe ich mir für den Schluss aufbehalten:
Die Grenzwertüberschreitung des Mikrowellenreis von Netto bei Tricyclazol kommentierte der Discounter schulterzuckend mit dem Satz "Der Reis wurde schon 2017 importiert".

Da galt der Grenzwert noch nicht. Und deshalb darf man 2018 dann seinen Kunden das bisschen Grenzwertüberschreitung zumuten. Weil man ihn ja 2017 gekauft hat.
WOW! Das leuchtet arm - äh - natürlich ein... Mann, Mann, Mann!


Fazit:
Die Stiftung Warentest kauft ihre Testprodukte aus den Regalen der Händler ein.


Das bedeutet: Die selben Produkte hättet Ihr genauso im Einkaufswagen gehabt, wie sie ins Labor gegeben worden sind. Und es waren nur Stichproben.

Ich schliesse also daraus,

- 1 -
dass die Lebensmittelkontrollen bei Reis absolut unzureichend sind.

- 2 -
Und weiter ist klar, dass die aktuellen Produktionsmechanismen von Reis, der bei uns in Deutschland verkauft wird offenbar besonders anfällig auf Pestizid-Rückstände sind, und zwar mit Überschreitung der Grenzwerte (die nebenbei bemerkt ohnehin viel zu oft zu hoch sind).


- 3 -
Arsen ist zwischenzeitlich akzeptiertes Beiwerk, und die Grenzwerte von der EU festgelegt, da kann man ja mal überlegen, ob man denen vertrauen will oder nicht. Ich eher nicht, nach allen Erfahrungen der letzten Jahre... Ausserdem scheint klar, dass das Eindampfen (Babynahrung) und die Verarbeitung (Reiswaffeln) den Gehalt von Arsen anheben, ganz ähnlich, wie man das auch bei Glyphosat beobachtet. Rice-Crispies dürften demnach dem selben Schicksal unterliegen.

- 4 - 
Das Biolabel (mindestens von dm und Alnatura) bietet hier keinen Schutz.

- 5 -
Und wenn es gesetzlich ok ist, dann gibt es doch tatsächlich Händler, die ihren Kunden den Reis auch mal über Grenzwert servieren. Was für eine Frechheit!


Pestizid-Rückstände können problematisch für die Gesundheit sein, das ist uns allen klar, denke ich. Aber vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern sind die negativen Effekte wirklich sehr oft besonders ausgeprägt. Spätere Lernschwierigkeiten und andere Fehlentwicklungen sind typisch bei einer Exposition, auch wenn die Kinder oft nicht direkt Symptome zeigen sind es oft die Langzeitwirkungen von chronischen Aufnahmen, die uns Sorgen bereiten sollten.


Deshalb Baby, gibt es - zumindest bei uns - keinen Reis.



Mein Schlusswort widme ich jenen, die ich eingangs erwähnte habe.
Das Schlusswort geht an das BfR...

Ihr schreibt da ganz richtig in Eurer Arsen-Einschätzung - Zitat :
"Verbraucher können nicht erkennen, wie hoch die Arsengehalte in ihren Lebensmitteln sind."

Richtig. Das können die Verbraucher bei Glyphosat leider auch nicht. Nicht wahr?!


Bis später.




Weiterführende Links:
BfR - Arsen und Reis Dokument 1
BfR - Arsen und Reis Dokument 2 (ausführlich)
Unabhängige Einschätzungen zu Arsen und Reis von foodwatch

Stiftung Warentest (inkl paylink 2 Euro): Reis
Pressebericht t-online

Pressebericht t-online (Historie, von 2010)
Pressebericht WAZ



Und noch ein Hinweis exklusiv an unsere aktiven KKler:
Reis ist abgesehen von den obengenannten Gründen für Abnahmebemühungen leider hinderlich und sollte - falls trotzdem gewünscht - nur am Pausentag verzehrt werden. 

Die kurzkettigen Kohlenhydrate wirken sich ähnlich ungünstig wie bei Brot, Getreideprodukten allgemein, Pasta, etc. aus. 
Für die Wirkung, die wir uns allerdings vom Pausentag erwarten ist Reis tatsächlich eine gute Wahl. Am besten eben ohne Pestizide, der Testbericht nannte zunächst "Golden Sun" von Lidl zum Testsieger, allerdings haben die zwischenzeitlich die Sorte und Herkunft geändert, und die sind nicht getestet worden. Andere Marken, die gut abschnitten: Tilda, Davert, Le Gusto (Aldi Süd). K-auft K-lug.

Die Kokosöl-Reprise

NachgehaKKT
Die Kokosöl-Reprise
Kokosöl-Kontroverse: revisited.



Nun ist ja seit dem Vorfall, der die Kokosnüsse in der ganzen Welt erbeben liess, zwischenzeitlich schon etwas Rhein den Bach runter geflossen, doch die Gemüter haben sich noch immer nicht wirklich allenthalben beruhigt.






Die gute Frau Professor Dr. Dr. Karin Michels hat da wirklich einen erstaunlichen Erfolg hingelegt. Immerhin hat das viral verbreitete Video derzeit über 1,3 Millionen Klicks. (Dazu noch etwas am Ende...).

Was einigen vielleicht entgangen ist, sei hier kurz noch nachgetragen.

1) Die Uniklinik Freiburg hat im Nachgang ein Video geschaltet, das Ihr hier anschauen könnt.


Aha! "Pointiert und zugespitzt". "Nicht verunsichern". "Unglückliche Wortwahl".
Gut, man hat wohl ein Einsehen.
Aber... was ist denn nun mit den verstopften Blutgefässen?
War das auch "unglückliche Wortwahl" und "pointiert"?



2) Abgesehen von diesem Rück-Ruderer gibt es auch ein relativ bemerkenswertes Statement von der Frau Professor, das Ihr hier anschauen könnt.

Dort hat sie wohl versucht, den unangenehmen Teil der Reaktionen ein wenig zu besänftigen. Enthalten sind unter anderem auch die Quellen, auf die sie sich bezieht.
Und dann steht da "Seit einiger Zeit ist das Gerücht aufgekommen, dass gesättigte Fettsäuren nicht der Gesundheit schaden."

Gerücht. Soso. Können wir uns wenigstens darauf einigen, dass es sich um ein mit Studien hinterlegtes "Gerücht" handelt, Frau Professor?

Ich vermute mal, sie hat ihre eigenen Literatur-Quellen im Vertrauen darauf 
geteilt , dass niemand reinschaut. Hm. Hab ich aber.

Und dort steht - wenn man dem Dokument zur Fussnote 3 folgt - doch glatt:
"These limited data raise the possibility that coconut oil may not increase LDL-C as much as predicted" und weiter "These data suggest that cholesterol synthesis is lower during diets rich in coconut fat[...] compared with diets rich in butter


Auf Normal-Deutsch: 
"Die Test zeigten, dass mit Kokosöl der unerwünschte Cholesterin-Anteil weniger stark anstieg als erwartet" und "Die Daten legen nahe, dass die Cholesterin-Bildung geringer ausfällt als bei einer Ernährungsweise, die stärker auf Butter setzt".

Okay. Also. Selbst wenn man immer noch feste an das Cholesterin-Märchen glaubt, was hoffentlich immer weniger tun - wäre Kokosfett IMMER NOCH weniger unvorteilhaft als Butter. 


Uuuund... wer hatte die Butter nochmal mit viel teurem PR-Aufwand verteufelt?
Achja, das war die Margarine-Industrie...

Also die, die jetzt auf ihre Produkte Warnhinweise für Schwangere, Stillende und kleine Kinder anbringen. 
Nun.... ja.

Jetzt stehen wir also noch vor dem Rätsel, wieso die Wissenschaftlerin mit dem Hang zur Kokosöl-Phobie zu so eisenharten Rückschlüssen kommt. 
Obwohl ihre eigenen Quellen das Gegenteil beinhalten von dem, was sie werbewirksam losgetreten hat. Oder zumindest begründete Zweifel beinhalten, da es ja gegenteilige Ergebnisse gibt.



Ich bleibe dabei: Ich sehe keinen Anlass, sich das Kokosöl vom Löffel stehlen zu lassen.
Und die Butter ebenso wenig.

Vielleicht ist Kokosöl ja später auch für die anderen wieder ok, z.B. wenn man einen Weg gefunden hat, sie genetisch zu verändern und ein Patent darauf anmelden durfte.


Ich schliesse die Reprise mit der nachdenklichen Bemerkung:
Ich habe ja auch Kontakte zu anderen Ernährungs-Menschen überall auf der Welt.
Und wisst Ihr, was komisch ist? Die erzählen doch glatt alle, das zufällig zur gleichen Zeit wie das Video seinen Siegszug begann auch bei ihnen - also quasi überall auf der Welt -
gleichzeitig irgendein Wissenschaftler den Anti-Kokosöl-Blues losgetreten hat.

Tja - Zufälle gibt's.
Manchmal auch nicht.


Bis später.




PS/Bonustipp: 

Kostenlose unfehlbare Anleitung für ein virales Video
Gebe Deinem Video den Titel "________ ist das reine Gift"
und setze an die leere Stelle irgendetwas ein, das gerade von vielen in der Küche sehr gerne verwendet wird. Achtung: Avocado war schon letztes Jahr...
Gerngeschehen. Nicht dafür.