Mittwoch, 11. Juni 2014

Nico persönlich: Meine Zeit vor diesem Blog

FLASHBACKK
Der stille Weg ins dicke Abwärts
Wie man dick wird und nichts davon bemerkt.




Auch wenn ich eigentlich gerade etwas anderes zu tun hätte...  Eben überkam mich ein kurzer Flashback. Erinnerungen aus einer Gott sei Dank vergangenen Zeit. Ein Stück meiner eigenen Geschichte. Vor KK.

Ich dachte, ich schreib sie mal auf, weil ich glaube einige erkennen sich darin vielleicht an einigen Stellen selbst ein bisschen wieder. Und eventuell ist dieser Umgang mit der Wahrhaftigkeit für manche auch so etwas wie eine Inspiration. Denn ich glaube, manchmal lügen wir uns vielleicht auch ein wenig zu sehr in die Tasche. Aber sind wir nicht zumindest uns selbst Ehrlichkeit schuldig?!




Dass ich dick wurde, geschah unmerklich. Wie viele Veränderungen, die wir mit unseren Körpern machen, altern zum Beispiel.

Auch das dick werden geschah so schleichend, dass es auf einmal da war. Ganz plötzlich.
Vorher schaut man jeden Tag in den Spiegel, merkt's aber nicht.

Ok, da waren Warnzeichen...

Irgendjemand hat irgendwann nachts heimlich den Weg zu Deiner Wohnung um ein paar Stufen erweitert.

Denn anders ist es kaum zu erklären, wieso man oben plötzlich ausser Atem ist.
Aber das hat auch was Positives. Denn man plant jetzt alles besser. Es wird viel seltener, dass man wegen Nichtigkeiten rausgeht, und wenn man unten bemerkt, dass man oben die Sonnenbrille vergessen hat, dann ist das gleissende Sonnenlicht auf einmal gar nicht mehr so schlimm. Der erste Sonnenbrand auf den Augenlidern Deines Lebens wird geflissentlich ignoriert - oder das Ozonloch ist schuld... Irgendwer ist immer schuld.


Und überhaupt - viel mehr Freiheiten...
Denn mehr oder weniger zufällig bemerkst Du dass Du Dinge kannst, die Du aus unerfindlichen Gründen vorher nie ausprobiert hast: 

Auch die vierte Sorte auf dem Geburtstagskuchen-Buffet kannst Du probieren und tatsächlich - sie passt rein! Endlich keine offenen Fragen mehr, ob die eine oder andere Sorte nicht doch besser gewesen wäre. Volle Expertise.

Auch gut: Die Sorge, dass man nichts mehr "für die Nerven" zuhause hat, bleibt jetzt endlich unbegründet. Wo früher ab und zu gähnende Leere über Wochen war, ist jetzt ein stets gefüllter Süssigkeiten-Altar Selbst wenn einen jetzt nachts nochmal die Lust packen sollte - kein Problem. Genug Auswahl da. Und das ist gut so, denn die Pilgereien zu der Schublade sind häufiger geworden.

Und endlich ist Omma zufrieden. Der Bub isst endlich!
Früher hat das, was sie gekocht hat nach Deinem Sonntagsbesuch noch bis tief in die Woche gereicht. Jeden Tag zwei Portiönchen aufgetaut. Und Opa freut's ebenfalls. Weil er nur noch Montag Reste essen muss und Dienstags schon wieder Frisches bekommt. 

Was tut ein Lob  von Omma gut. Und von Opa! Und erst diese Harmonie. Sonst sind sie nie so einig...

Aber dann... Der erste fragt, ob Du schwanger seist. Du weisst nicht, was Dich mehr irritiert. Ob der Frager tatsächlich nicht weiss, dass Männer ziemlich selten schwanger werden oder ob er einen mächtigen Knick auf der Pupille hat, in dem Auge, das gleich ein Veilchen wird.
Keine Frage, seine Frage - das muss ein Scherz sein. Du lachst mit.

Zur Sicherheit später an der Bushaltestelle neben der Frau im achten Monat vergleichst Du verstohlen aus dem Augenwinkel Deine Plautze mit ihrer temporären Einliegerwohnung. Tatsächlich. Ähnlichkeiten sind da...

Erstmals ungut wird es dann, als Du merkst, dass Dein Supergeheimtrick mit dem Baucheinziehen beim Vorübergehen einiger hübscher Mädels nicht mehr so will wie früher.
Du ziehst ein und siehst Deine Füsse noch immer nicht. 

Verdammt, nur noch zweiter im Sexiest-Man-Alive-Kopf-Wunschkonzert.
Und der erste steht zufällig immer auf der anderen Strassenseite. 
Da, wo die hinschauen. 
Und wo Du in etwa schätzt, dass Deine Füsse hinzeigen dürften...

Aber dann naht die Rettung. In einer Grill-Männer-Runde kommt das Thema auf und Du wirst beruhigt, denn jemand klopft Dir auf die Schulter und erklärt Dir, dass das in Deinem Alter ziemlich normal ist. Und ein paar andere beruhigen mit Sätzen wie "Ein rechter Hammer braucht einen rechten Kompressor, Höhöhö..." Gefolgt von einem "Alles Muskeln und Samenstränge...Höhöhö!"
Du fragst Dich, ob das die Mädels hoffentlich auch so wissen, vergisst das dann aber zu Ende zu denken, weil die Steaks so toll schmecken und die Sour Cream eine Wucht ist. Zu den Kartoffeln. Noch einen Teller? Ja, bitte.

Ein weiteres Highlight für Menschen, die wie ich runde Zahlen lieber mögen geschieht dann in der Lobby eines Hotels. Dort schnippt eine in der Runde ein paar Eurostücke für jeden in die Bezahlpersonenwaage. Ein besonderer Service des Hotels? Oder zur Sicherheit, damit der Fahrstuhl nicht überlastet wird? Keine Ahnung... 

Also, die Spenderin wirft die Euros in die Waage und jeder darf mal. 
Der ewige Witz mit dem Fuss hintenaufstellen wird gleich bei Proband Nr.2 verpulvert. Wie unsparsam. Aber - alles lacht, er freut sich pflichtgetreu und gekünstelt mit. 
Du bist eher so der Mann im Hintergrund, der das Treiben interessiert beobachtet und nichts für das Rampenlicht. Daher lehnst Du dankend ab und bietest grosszügig "Deinen" Frei-Euro einer anderen Person an. 
Das Problem: Alle haben schon mitgemacht, nur Du fehlst. 
Und acht Arme zerren an Deinem Lieblingspulli. 
Bevor das Textilstück völlig ausleiert machst Du halt mit.
Und die Waage zeigt auf den Punkt genau 100. Oh? Ah....! 

Klar, der Trick mit dem Fuss hinten drauf. 
Nein. Diesmal nicht. 
Kein fremder Fuss auf der Waage. Auch nach zwei Mal umdrehen nicht.
Dann ist es wohl, weil diese öffentlichen Waagen halt grundsätzlich um 5kg circa ungenau gehen. 100 bist nicht Du! 
Aber wenigstens eine runde Zahl. Falls doch.

Die Wochen vergehen, Deine Arbeit läuft gut, ein paar interessante und gut bezahlte Aufträge. Das Komische: Nichts will Dir wirklich Freude bereiten. Nicht die Erfolge, nicht die Geschäftsabschlüsse, irgendwie macht nichts wirklich glücklich, selbst die schönen Dinge, die Du Dir von dem verdienten Geld kaufst... 
Sie geben Dir kaum länger als ein paar Minuten einen Kick.

Eines Tages streicht Dir ein - bis dahin noch - Freund mit kreiselnden Bewegungen seiner flachen Hand über den Bauchnabel. 
Und grinst als er sagt: "Sag mal, hast Du zugenommen?"

Das ist der Moment, in dem Du Dir erstmals freimütig eine Schizophrenie selbst diagnostizierst. 

Denn mit Dir passieren aussen und innen zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. 
Und das verdammt gleichzeitig. 

Innen: Etwas in Dir brüllt. "Wieso muss mich jemand wie Du, der Du mein Freund sein willst so verletzen? Was geht Dich denn das bitte an? Einen Scheiss geht Dich das an. Mein Körper, mein Leben, mein Bauch. Es ist eine Frechheit, was Du Dir leistest. Nimm Deine Hand da sofort weg!"


Aussen: Du bist clever. Beibst cool. Du weisst genau, wenn Dein Gegenüber jetzt merkt, das ärgert Dich, dann macht er das wieder. Und wieder. Und wieder. Also lachst Du es souverän weg und sagst weit weniger sicher als Du es geplant hast: "Nö, wieso?!"


Aber es steckt tief. Ein Freund sollte Dich nicht so verletzen. Schon gar nicht, wenn Du eigentlich hilflos bist mit der Situation und keinen Schimmer hast, wo "das" her kommt oder wie "das" wieder weggeht.

Denn Du hältst Dich spätestens als Du  festgestellt hast, dass die Hotelwaage tatsächlich 5kg daneben lag (leider drunter, nicht drüber) ja schon eisern an die selbst auferlegte Diät:

Während der Woche isst Du gar nichts. Nix gibts. Ausser Kippen und Kaffee (ja, traditionell mit Milch und Zucker) nur, wenn der Hunger wirklich nicht auszuhalten ist. Und dann wenig. 

Der einzige Luxus: Einmal die Woche, das ist spät nachts um zwölf nach dem Billardspielen gibst Du Dir bei McDonalds ein Menue. Und einen Cheesburger, sonst reichts nicht. 
Der Kram macht ja nicht satt. Aber das wars. Ende. Gelände.

Ja, ok  - am Wochenende dann mal was, wenn Du irgendwo oder bei Omma bist, aber sonst? 
Höchstens mal die fertigen Bulletten ausm Lidl und mal nen Kartoffelsalat aus der Dose. 
Aber eben nur, wenn dolle Hunger ist. Zu trinken, damit es nicht ganz in die Hose geht ein bisschen gesunde Buttermilch. Die leckere mit Kokosgeschmack. Oder noch lieber die Pina Colada. Aber nur zwei. Am Tag.

Wenn man lange Tage allein in einem Büro sitzt, fängt man irgendwann an, mit sich selbst zu reden. Und Du hörst Dich selbst auf einmal seltsame Dinge sagen wie...:
"Ich weiss nicht warum, aber ich habe gerade keine Lust mehr am Leben." 
Natürlich ist das Unsinn. Alles läuft gut. Und Du hast keinen Grund zu klagen. Aber diese Stimme? Und dann noch die eigene? Was soll das?!


Dann - dieser eine erste Ausfall. Mitten am Tag, obwohl Du nun wirklich ausreichend geschlafen hast - schreckst Du auf und merkst, dass Du mitten während dem Tippen sitzend an der Tastatur eingeschlafen bist. Wie lange!? Keine Ahnung. Einfach weg. Sekundenschlaf? War wohl Schlafmittel in einem der beiden Leberkäs-Wecken? Ha. Ha. Haha. Ein gequältes, eher beunruhigtes Lachen über den eigenen Scherz. Egal, weiter, Du musst ja funktionieren. Kann wohl mal passieren.


Aus der Beunruhigung wird dann nackte Angst. Nichts ist mehr lustig. Nicht mal gequält.
Denn - ein paar Tage später: Gäste eingeladen zu Besuch bei uns, ein Brunch. Alle mit Essen versorgt, jeder hat seinen Kaffee, ich setze mich hin und esse 2 Brötchen, eins mit Salami, eins mit Marmelade. Irgend 'ne leckere rote... 

Und dann ist es wieder da... Mächtiger als je zuvor: Eine warme Welle von unsagbarer Müdigkeit rollt durch den Körper.Ich kann mich kaum zusammen reissen. 
Wären die Gäste nicht da, würde ich mich auf der Stelle hinlegen.  Geht aber nicht. Wegschicken ist auch nicht drin. 
Sie sind ja gerade erst gekommen, und das Buffet ist noch fast unberührt... 

Was ist das?!?!? Es macht Angst. 
Kontrolle verlieren ist scheisse. 
Heissgequirlte Schweinekacke!

Irgendwer fragt mich was - in den dunkelgrauen Nebel in meinem Kopf hinein.
Ich weiss zwar, ich bin gemeint, aber ich habe jetzt ernsthaft Mühe, meinen Kopf oben 
und die Augen offen zu halten.
Keine Ahnung, was der von mir will... 
"Wie bitte?" "Sprablach bla bloch blüh blaberab..." Ah. Öh? "Entschuldigung?" 
"Hast Du noch nen Kaffee für mich, bitte?" - "Aber klar!"

Nachdem ich den Kaffee an den Platz gebracht habe, entschuldige ich mich kurz.

Ich nehme meinen Laptop mit in die Toilette, setze mich auf den Badewannenrand und suche nach Symptomen wie den meinen. 


Mir ist trotz der Müdigkeit absolut klar, dass mein Körper ganz aktuell in einem Zustand ist, in dem "irgendetwas" gerade beginnt zu kippen. Und massiv schief zu laufen.

Der graue Nebel lichtet sich schlagartig, das Adrenalin tut seine Wirkung wie befohlen.

Das ist das "Klick" im Kopf. 
Mein ganz persönliches "Klick". 
So laut, wie die Kirchturmuhr am Big Ben, wenn sie auf eine Minute vor zwölf springt und Du Dein Ohr und Deine Wange direkt an das kalte Metall des Minuten-Zeigers presst, während das passiert. "KLICK!"

Mir war glasklar: Würde ich jetzt so weiter machen, könnte das mit Sicherheit kein gutes Ende nehmen - undenkbar allein, wenn diese Müdigkeit, oder besser, diese Ohnmacht einmal am Steuer des Autos käme... Oder - wenn da auch nur peinlich - während einer Geschäftsverhandlung...

Tja. Ab diesem Tag begann ich, nach den Ursachen zu forschen, die mich dahin gebracht hatten. Ich hatte ja keine Ahnung, was daraus werden sollte. Und vor allem - was für Ungeheuerlichkeiten ich - in Bezug auf die Ursachen alle entdecken sollte...

Aber das ist eine andere Geschichte, die soll ein ander  Mal erzählt werden.



Bis später.







PS: Diese Schilderung mag chronologisch nicht mehr ganz genau zu sein, und Omma und Opa sind Ersatz-Statisten für zwei andere Personen, aber ansonsten ist das tatsächlich ein guter Überblick von meiner "Karriere" in den Monaten vor KK. 


Den ganz besonders Interessierten empfehle ich später einmal eines: 
Wenn der Zuckerfilm raus ist, und ihr ihn angeschaut habt, dann lest das hier nochmal. 
Ihr werdet erstaunt sein, wieso das auf einmal alles so etwas wie Sinn ergibt.



1 Kommentar:

Petra Dieckmann hat gesagt…

Lass mich raten: postprandiale Hypoglykämie wegen beginnender Insulinresistenz?

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