Freitag, 14. August 2015

Wie un/klug ist ohne Frühstück?

KKritikK
Schlank ohne Frühstück?
Wie Ernährungsmythen entstehen

Momentan geistern ein paar Berichte durch die Presse, dass das Auslassen des Frühstücks beim Halten des Gewichtes helfen oder sogar dünner machen würde.

Ich nehme das mal zum Anlass und erkläre ein paar Dinge an diesem Beispiel, übe ein wenig Kritik um am Ende die Frage zu beantworten, wie unklug die Entscheidung ist, das Frühstück auszulassen.









Wie ein Ernährungsmythos entsteht - Am Beispiel ELLE

Nina Kleine-Vogelpoth ist eine freie Redakteurin, die nach eigenen Angaben Kenntnisse und Kontakte im Bereich Lifestyle, Prominente, Klatsch und Mode besitzt.

In einem online verfügbaren Bericht erklärt sie nun den geneigten ELLE-Leserinnen unter dem grossen Titel "Wer das Frühstück weglässt, bleibt schlank!", dass das Weglassen des Frühstücks die Fettverbrennung ankurbeln würde, was eine aktuelle Studie beweisen würde.


Sie unterlegt ihre Behauptungen ein klein wenig mit Argumenten aus der Paleo-Ecke und fordert am Ende dazu auf, dass mit dem Frühstück künftig Schluss sein soll.

Ich hoffe einmal, dass diesen Bericht möglichst wenige Damen lesen und wenn doch, dass die Frauen diesem Unfug nicht folgen. 
Und schon gar nicht, dass sie aufgrund diesem "Bericht" jetzt ihre Kinder (weiter) ohne Frühstück aus dem Haus lassen. 

Denn wie ich weiter unten belegen werde sind dieser Artikel und seine überall aufpoppenden Pressezwillinge nicht nur grottenschlecht recherchiert, sondern auch schlichtweg sachlich katastrophal falsch.


Die Studie
Ich bezweifle, dass die Klatschreporterin ihrer journalistischen Sorgfaltspflicht nachgekommen ist und die Studie überhaupt gelesen hat. 
Umso schlimmer wäre es, wenn doch. Denn dann würde ich ihr empfehlen, doch lieber weiter bei Klatsch und Promis zu bleiben, und die Finger von Ernährungsfragen zu lassen. 
Denn dann fehlen einfach ein paar elementare Basics in Sachen Ernährungswissen, was aufgrund der Reichweite ihrer Auftragsgeber zu unverantwortbaren Folgen führen könnte.

Ich habe mir die Mühe gemacht und habe die fragliche Studie einmal näher angesehen.


Meine Interpretation

Grundlage
46 übergewichtige Teilnehmer zwischen 18 und 65 Jahren, je zur Hälfte weiblich und männlich wurden über den Zeitrum von 4 aufeinanderfolgenden Wochen jeden Morgen nüchtern ins St. Luke's Krankenhaus bestellt, um dort in jeweils 15 Minuten ein vorgegebenes Frühstück einzunehmen. 

Dabei wurden die Teilnehmer in drei Gruppen aufgeteilt, die dann regelmässig drei verschiedene Frühstücksvarianten zu sich nahmen, um die Unterschiede in den Auswirkungen festzustellen.

Die 3 Varianten

Variante 1 - die Haferflocken
Quaker Quick Oats, also Haferflocken, in der Mikrowelle nach Herstellerangaben erhitzt,
mit Vollmilch mit 3,25% Fettgehalt.
Um die Mengen für alle 3 Varianten gleich zu halten wurde zusätzlich noch 230 ml Wasser hinzugefügt
Meine Anmerkung: 

Gemäss meiner Recherche kommen die Quaker Quickies ohne Zuckerzusatz daher

Variante 2 - die Cornflakes
Kellogg's Frosties, also gezuckerte Cornflakes, serviert mit fettarmer Milch (Fettgehalt 1,7%)
Um die Mengen für alle 3 Varianten gleich zu halten wurde zusätzlich noch 190ml Wasser gereicht.


Variante 3 - die Wassertrinker

350 ml Wasser - ohne jede Zusätze

Alle 3 Varianten bekamen zusätzlich 
200 ml entcoffeinierten Kaffee, geweisst mit 12 ml Coffee-Mate von Nestle und 1 g künstlichem Süssstoff aus der Aspartam-Nutrasweet-Ecke.

Anmerkung: 

Somit wurde bei allen 3 Varianten nicht auf Milchprotein und Zucker(ähnliche) verzichtet, denn das Monstergebräu von Nestle besteht aus 

Maltodextrin, (also Zucker) 
- Palmöl 
Natriumcaseinat 
(aufgeschlossenem Milcheiweiss/-protein), 
Dikaliumhydrogenphosphat
Mono- und Diglyceriden 
(charmantes Wikizitat:"Abbauprodukt der Nahrungsfette [..] sind auch in verdorbenen Lebensmitteln zu finden), 
- Aluminiumsilikat 
(E559, in der EU seit Januar 2014 nicht mehr zugelassen, vermutlich weil im Verdacht Alzheimer- und Parkinson zu fördern, und als Metallöstrogen im Verdacht, die Wirkung der weiblichen Geschlechtshormone zu beeinflussen und damit die Fortpflanzungsfähigkeit zu beeinflussen) , 
- künstliche Aromen, 
- Farbstoff E160b Bixin, Norbixin 
(falls das Aluminiumsilikat nicht gewirkt hat, denn es hat die gleichen Eigenschaften in Sachen Alzheimer und Parkinson und als Metallöstrogen, aber zusätzlich noch potentiell bei empfindlichen Allergikern die schöne Eigenschaft, Hautreaktionen (Ekzeme, Nesselsucht) auszulösen und Asthmaanfälle zu provozieren.

Original vor Übersetzung: CORN SYRUP SOLIDS, VEGETABLE OIL (PARTIALLY HYDROGENATED COCONUT OR PALM KERNEL, HYDROGENATED SOYBEAN), SODIUM CASEINATE (A MILK DERIVATIVE)**, AND LESS THAN 2% OF DIPOTASSIUM PHOSPHATE (MODERATES COFFEE ACIDITY), MONO- AND DIGLYCERIDES (PREVENTS OIL SEPARATION), SODIUM ALUMINOSILICATE, ARTIFICIAL FLAVOR, ANNATTO COLOR.** Not a source of lactose, Quelle: Amazon

Disclaimer: Es ist möglich, dass bei der Studie noch nach dem alten Rezept verabreicht wurde, das ist aber keinen Deut besser gewesen, sondern Dank der Transfette noch aus anderen Gründen in der Kritik

Jaaaaaha, das trinken die freiwillig da drüben... 
Wie gut, dass es gleich in einem Krankenhaus verabreicht wird... 
Da ist das Fachpersonal ja nicht weit... 
Da bekommt Nestle's Werbeslogan Good Food - Good Life doch gleich eine ganz neue Bedeutung. Aber Hauptsache glutenfrei und laktosefrei. 
Vielleicht versteht Ihr jetzt meine Abneigung gegen den Begriff "Function-Food" ein bisschen besser...


Meine Kritik am Studiendesign
Wie die Wissenschaftler selbst in der Studie bemerken gibt es mit dem Design ein paar Schwierigkeiten. So wurde überhaupt nicht berücksichtigt, was die Probanden den Rest des Tages gegessen und getrunken haben. Sie räumen selbst ein, dass eine Wahrscheinlichkeit besteht, dass die Wassertrinker den restlichen Tag entsprechend mehr zu sich genommen haben.
Weitere Kritikpunkte folgen in der Auswertung.


Interessenskonflikte
Gemäss der Angaben (siehe Acknowledgements) in der Studie hat nicht nur eine Person der PepsiCo über Kommentare Einfluss auf das Manuskript genommen, sondern die Studie wurde auch von Quaker Oats und PepsiCo bezahlt. 

Von den Sponsoren wurde ein "Beitrag" geliefert zu Studiendesign und dem Editing der Studie.

Ich werte das als ein riesiges Ausrufezeichen bei der Einschätzung der gesamten Studie.
Ein hervorragendes Beispiel, wie so etwas läuft und wovon ich öfters berichte, wenn es um die wissenschaftliche Tragfähigkeit geht. 

Hat Frau Kleine-Vogelpoth das berücksichtigt, als sie ihren Artikel schrieb? Ich denke nicht.


Ergebnisse der Studie 
(Hier nur "summary", wer es genau wissen will bitte Studie und Schaubilder lesen)

- Wer sein Frühstück ausgelassen hat hat abgenommen aber der Cholesterinspiegel hat sich erhöht
- Es gab keinen Unterschied zwischen der Haferflocken und der Zuckercornflakes-Fraktion
- Man könnte daraus schliessen, dass man mit dem Auslassen des Frühstücks abnehmen kann, aber auf die negativen Effekte des Cholesterinanstiegs sei hingewiesen.


Und der Ernährungsmythos von Schlank ohne Frühstück ist geboren... 

Weil wesentliche Teile dieser Studie nicht hinterfragt werden und einer vom anderen in der Presse abschreibt, ohne sich das selbst anzuschauen verbreitet sich solch ein Unsinn dann wie ein Lauffeuer. Dabei haben doch die Wissenschaftler selbst ausdrücklich in ihrer Discussion ehrenwerterweise auf alles hingewiesen, dass man diesen Schluss auf gar keinen Fall ziehen kann.


Was wir hier eigentlich sehen 
und daraus lernen müssen:

Ein wesentlicher Fehler in der Studie war die Beigabe von Milch. 
Es handelt sich um übergewichtige Personen. Da KANN es gar nicht zu einer Abnahme kommen, selbst wenn sie sich sonst über den Tag vernünftig verhalten hätten.

Ich zitiere aus der Studie, die ihr in diesem Beitrag weiter unten findet
"
Es gibt erhebliche Beweise das eine erhöhte Aufnahme von Milchproteinen bei übergewichtigen Personen eine dauerhafte Überstimulation der Insulinausschüttung erzeugen" und "Im Gegensatz kann eine erhöhte Aufnahme von Milchproteinen eine weitere Verschlechterung des Stoffwechsels von Übergewichtigen, insulinresistenten und Menschen die zu Bewegungsmangel neigen herbeiführen."
Bumm. In Kombination mit den Mängeln beim Ausschluss von insulintreibendem Zucker und Süssstoff war da keine Abnahme zu erwarten.

Ich wiederhole mich deshalb gerne
Milch und Abnehmen gehen nicht zusammen. 
Und Zucker und Abnehmen ebensowenig. 
Hier habt Ihr nur einen weiteren Beleg dafür gesehen.

Nun zu den Frühstücksverweigerern und Wassertrinkern:
Der Anstieg des Cholesterinspiegels ist ein klares Zeichen für Stress
Das kann zwar kurzfristig verantwortlich für die Abnahme sein, die da verzeichnet wurde, ist aber mittelfristig absolut kontraproduktiv für jede Abnahmebemühung zu werten. 
Ausserdem ist diese Strategie somit gesundheitsschädlich und ungünstig für den Stoffwechsel.


Nina's Ausflug in die Paleowelt

Nina fordert Euch auf, aus der Steinzeit zu lernen. 

Das ist ein legitimer Denkansatz und ich schätze die Kollegen aus der Paleowelt sehr und glaube vor allem an den Grundsatz, dass wesentliche Teile wie Hunger-Satt-Mechanismus, Stoffwechsel und dem Umgang des 
Körpers mit Nährstoffen durchaus noch mit der Steinzeit vergleichbar sind.

Aber das muss man mit Verstand tun, und wenn man die Dinge vergleicht ein bisschen Vorsicht walten lassen. 

Es ist zutreffend, dass die Nahrungssuche in der Wildnis früher bedeutet hat, dass man erst einmal die Nahrung beschaffen musste, was ein Hinweis darauf hätte sein können, dass die Steinzeitmenschen ab und zu das Frühstück ausfallen lassen mussten.

Aber, liebe Nina, das geht komplett an den Tatsachen vorbei.
Während die Steinzeitmenschen den Rest des Tages ein relativ gemütliches Leben geführt haben, wenn nicht gerade der Säbelzahntiger um die Ecke bog, hast Du es heute überwiegend mit Menschen zu tun, die in unterbezahlten stressigen Jobs im Sinne des goldenen Kalbs Wachstum die Arbeit für 2 oder 3 Personen erledigen. 

Wer den unterschiedlichen Energiebedarf dieser beiden unterschiedlichen Lebensmodelle nicht auf dem Zettel hat und die Auswirkungen davon unberücksichtigt lässt begeht meiner Meinung nach einen sehr entscheidenden Denkfehler.



FAZIT
Für unsere KK-Mitglieder und meine Leser lautet deshalb die Empfehlung:
Macht diesen Unsinn bitte nicht mit. 
Bleibt bei unseren Empfehlungen zu einem regelmässigen Frühstück und lasst auch Eure Kinder nicht ohne ein gesundes Frühstück nicht aus dem Haus. 
Und gesund heisst nicht Milch, Nutella-Brötchen und Zuckercornflakes. 
Aber das wisst Ihr ja...

Die letzten Personen, die geeignet scheinen, Euch solides Wissen über Ernährung, Abnahme und Lebensmittel zu vermitteln sind Modeexperten und Klatschreporter.
Seht Beiträge aus diesen Quellen immer mit der nötigen Skepsis und übernehmt diese Empfehlungen niemals, ohne sie zu hinterfragen.

Und an die Kollegen der Mainstream-Abnehm-Presse, die diesen neuen Ernährungsmythos weiter füttern geht der Appell, dass Ihr Eurer journalistischen Verantwortung doch bitte mehr gerecht werdet. Ihr gebt hier gesundheitsschädliche Empfehlungen heraus und schreibt diese von anderen ab, ohne zu hinterfragen - das kann nicht Euer Berufsverständnis sein. Da muss doch ein bisschen so etwas wie ein Gewissen vorhanden sein?
Und wie man mit Studien auch umgehen kann - nun, da oben habt Ihr eine Blaupause.
Die dürft Ihr sehr gerne abschreiben und neben den Bildschirm hängen...



Bis später.



Weiterführende Links
Ich habe diesmal alle relevanten Links oben im Beitrag verarbeitet und empfehle ihnen zu folgen, um sich ein eigenes Bild zu machen.
Bitte besonders gerne vor skeptischen Kommentaren, z.B. wenn man wie Reinhard ist. 



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