Dienstag, 15. Oktober 2013

Stevia: Meine vorläufige Endabrechnung mit dem süssen Kraut und was aus natürlich wurde...




STEVIA
Meine vorläufige Endabrechnung mit dem süssen Kraut und was aus "natürlich" wurde...




Dies ist meine vorläufig endgültige Stellungnahme auf die Frage, warum KK und Stevia nicht zusammen passt und warum ich für mich selbst entschieden habe, Stevia nicht einzusetzen.



GESCHICHTE


Vor etwas über 100 Jahren hatte der Schweizer Moises Bertoni aus Bellinzona genug von einem bürgerlichen Leben machte sich auf nach Südamerika. Als Naturwissenschaftler war der Urwald in Paraguay für ihn natürlich besonders interessant. So liess er sich nieder und begründete er die Kolonie Wilhelm Tell. Im regen Kontakt mit den Urwaldbewohnern und den Guarani-Indianern bemerkte er, dass diese ihren Mate-Tee süssten, in dem sie ein süsses Kraut beimischten.

Er liess sich das näher zeigen und entdeckte und katalogisierte so die heute unter dem botanischen Namen Stevia rebaudiana Bertoni bekannte Pflanze, die sich in diesen Tagen langsam einen Namen bei uns macht.



VERBREITUNG

Während die Japaner Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre bereits ein reges Interesse an der Pflanze zeigten – es heisst sie hätten zu dieser Zeit beinahe den gesamten Bestand in Paraguay ausgegraben und nach Japan verschifft – tat sich Stevia in der westlichen Welt lange Zeit sehr schwer. Vermutlich weil es wirtschaftliche Interessen gab, die das verhindert haben. Es gibt Anzeichen dafür, dass das so war.


ZULASSUNG IN DER EU ABGELEHNT

1997 gab es einen ersten Vorstoss eines belgischen Professors namens J. Geuns, die Pflanze als "neuartiges Lebensmittel oder Lebensmittelzutat" von der EU-Kommission zuzulassen.
Am 22. Februar 2000 lehnte die EU das ab, mit dem Verweis darauf, dass nicht genügend Unterlagen eingereicht worden seien, die die Lebensmittelsicherheit belegten. Es wurde in weiteren Publikationen darauf hingewiesen, Stevia sei möglicherweise krebserzeugend. Ich bin nicht sicher, ob diese Untersuchungsergebnisse frei von wirtschaftlichen Interessen entstanden sind.


ZULASSUNG UND MEDIENINTERESSE 
Dann blieb es wie der eine ganze Zeit still, bis überraschenderweise Ende 2011 anfangs 2012 die Zulassung bekam und den Weg in die deutschen Nachrichten fand: 







Leider nennt der Bericht nicht, wer denn die Anstrengungen unternommen hat, gegen die Widerstände der Zuckerindustrie die EU-Zulassung durchzusetzen.

 Denn die Antwort ist ziemlich überraschend: Es war Coca Cola.

Zusammen mit einem weiteren Lebensmittelhersteller, der bei uns weit weniger bekannt ist wie in den USA: Die Cargill-Group.


COCA COLA - als selbstloser Vorreiter der Natürlichkeit

Die Freunde der Natürlichkeit konnten endlich aufatmen.
Danke, Coca Cola, für diesen selbstlosen Vorstoss, den Verbrauchern endlich einen natürlichen Süssstoff auf den Tisch zu packen! Danke!

Moment mal, wieso ist ein grosser Konzern, der selbst 10% den Weltzuckeraufkommens pro Jahr unter die Leute bringt auf einmal so selbstlos? Das macht neugierig…

Und richtig, wie "Die Welt" am 06.07.2007 schon berichtete hat Coca Cola auf der Suche nach einem Ersatz für den in Verruf geratenen künstlichen Süssstoff Aspartam einen Vorstoss in Richtung Stevia unternommen. Und gleich 24 Patente angemeldet. Das Ende der Selbstlosigkeit. Denn mit den angemeldeten Patenten zur Verarbeitung der Pflanze zu einem weissen, kristallinen Pulverextrakt des süssen Anteils, den sogenannten Stevia-Glykosiden, lässt sich möglicherweise gutes Geld verdienen.


Die EU-Kommission hat das Ergebnis dann am 02.12.2011 unter der Bezeichnung E960 als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen. Antragsteller waren die Morita Kagaku Kōgyō K.K., das sind die Japaner, die das Kraut damals in Paraguay ausgebuddelt hatten und die ihre Produktion aus Kostengründen schon ziemlich lange nach China verlegt haben, weshalb folgerichtig momentan rund 95% der Steviapflanzen aus China kommen. Ausserdem die oben schon erwähnte Cargill Inc und die EUSTAS, in deren Mitgliederliste Prof. Jan Geuns auftaucht und sogar ein paar bekannte Firmennamen wie Ricola.
Auf deren Internetseite wird aber darauf hingewiesen, dass es noch eine nicht öffentliche Mitgliederliste gibt, an die man nur gelangt, wenn man sich im Mitgliederbereich einloggt. Vielleicht ist Coca Cola da dann zu sehen, ich vermisse die dort ein bisschen – nur schon für das runde Bild…?


Soviel zur Geschichte, wie aus einem grünen Kraut ein weisses Pulver wurde, dass man jetzt in der EU verkaufen und in Lebensmittel einbringen darf.


EINE KURIOSITÄT LÄSST AUFMERKEN

Sowohl die zuständigen schweizerischen als auch die österreichischen Behörden haben Marketingbegriffe wie "mit natürlicher Süsse", "mit natürlichen Zutaten gesüsst" oder "Süsse aus Stevia" nicht erlaubt. Weil irreführend. Nicht einmal die Pflanze dürfe abgebildet werden, denn es könne ja der Eindruck entstehen das Produkt sei mit der Pflanze und nicht mit dem weissen Pulver gesüsst. Warum denn das? Was macht den grossen Unterschied zwischen dem grün-gezackten Blatt der Stevia und dem weissen Pulver aus?

DIE PRODUKTION DES WEISSEN STEVIA-PULVERS STEVIAGLYCOSIDE (E960)

Schauen wir uns doch mal an, was zwischen der Ernte der Pflanze und dem weissen Pulver so passiert…
Als erstes werden die Blätter getrocknet, dann eingeweicht und ausgelaugt.

Was übrig bleibt ist ein wenig ansehnlicher Rohsaft, dem man zu diesem Zeitpunkt noch die Natürlichkeit bescheinigen könnte. 

Dann allerdings werden diesem Saft zum sogenannten Ausfällen Aluminiumsalze beigefügt. Die sind leider giftig, was natürlich für einen Lebensmitteleinsatz recht unpraktisch ist. 

Deshalb versucht man diese, mittels Ionenaustauscherharzen, das Gift wieder zu entfernen.
Na hoffentlich klappt das auch… Aber weiter. 

Nun ist das Ergebnis noch nicht weiss, sondern braun, also fügt man dem Ganzen jetzt sogenannte Absorberharze hinzu. 
Die saugen praktisch die braune Farbe raus. 

Jetzt haben wir schon was weisses, aber noch nicht die Kristalle. Die Kristallisierung braucht noch ein paar weitere Schritte, bei denen Alkohole wie Methanol und Ethanol eingesetzt werden.

Was jetzt übrig ist, ist ein weisses Pulver, in dem Reststoffe enthalten sind, deren Namen vermutlich nur ein sehr ausgewähltes Publikum kennen. Und – so ein Mist, es hat einen leicht bitteren, metallischen Beigeschmack. Den man von der Pflanze an sich nicht kennt…
Und jetzt schon einen immensen Einsatz an Chemie, für die natürliche Süsse...


EINE MASKE FÜR STEVIA

 Aber auch dieses letzte Problem soll bald gelöst sein, denn schon krempeln die Aromenhersteller die Ärmel hoch, um den ungewünschten metallischen 
(Woher kommt der bloss? Und Aluminium, war das nicht ein Metall?) Geschmack zu überdecken. 

Naja, in deren Sprache nennt man das "maskieren". 

Dabei hat uns doch die Natur den Geschmackssinn gegeben, um leichter zu unterscheiden, was gut und schlecht für uns ist. Und wir haben doch schon an anderen Beispielen in der Lebensmittelgeschichte gesehen, dass das nicht gesund ist…?



WOFÜR DIE MENGENEINSCHRÄNKUNG?

Ist das der Grund, warum die WHO den Einsatz mengenmässig auf 2mg/kg Körpergewicht als Tagesdosis beschränkt? Verdoppelt auf 4mg durch die Instanzen, die der Nahrungsindustrie vorsichtig gesagt - nahe stehen? Möglich. Schwer nachzuvollziehen.

SCHWIERIGKEITEN BEI DER VERMARKTUNGUND WIE SIE GELÖST WERDEN


Jetzt gibt es noch eine weitere Schwierigkeit, die man sich näher ansehen sollte…

Das kristalline Pulver ist 200x süsser als herkömmlicher weisser Zucker aus Rohrzucker.
Und hat nur einen Bruchteil des Volumens. 

Ein absoluter Bauchweh-Fall für jeden Marketingmenschen. 

Denn der steht vor der Frage: "Wie bekomme ich das Produkt so hin, dass es in den Supermarktregalen genügend Aufmerksamkeit findet?!"

In Reformhäusern und Biomärkten findet man es in Döschen, die an Arzneimittel erinnern, was ja bei der Wirkung des reinen Stoffes gar nicht so abwegig ist, denn es erweitert die ja immerhin die Blutgefässe und regt die Prostatadrüse an. Heisst es…


EIN LADA IM FERRARI-KOSTÜM

Aber in einem Supermarktregal?! Hm. Wir brauchen eine hippe Verpackung. Und Volumen. Sonst geht das nicht. Canderell und Nordzucker haben sich da was einfallen lassen. 

Da gibt es schicke Plastikdosen, die das schlank schon beim Hinsehen suggerieren.

Und Stevia steht in grossen Lettern drauf. So gross, dass ich in den ersten Tagen meines Kontaktes mit Stevia noch dachte, dass das, was da drin ist "Stevia" HEISST. Wie naiv…

Die Ernüchterung erfolgt auf dem Fusse bei der Lektüre der Zutatenliste des Produktes.
Stevia? Ja, 2%. Und die anderen 98%?! Maltodextrin. Maltodextrin? Ist das nicht Zucker?! Doch.

Sogar ein ungünstiger. Denn erstens hat er einen sehr hohen Glykämischen Index (also eine starke Auswirkung auf den Insulinspiegel) und zweitens braucht er in der Zutatenliste nicht als Zucker definiert sein, obwohl es einer ist. Danke, Ihr Menschen die Ihr das so festgelegt habt, auch im Namen all der Diabetiker, die gerne auf die Zutatenliste vertrauen würden!


Aber weiter - Oh wie schön, die wickeln also 2% Stevia um 98% Zucker und propagieren das als Stevia…

Wieso ist eigentlich Lada oder ein anderer Hersteller noch nie auf die Idee gekommen, einen Ferrari-Rückspiegel an seine Autos zu bauen um ihre Fahrzeuge dann teurer als Ferraris verkaufen zu können? Andere können das doch auch?!
Mir ein Rätsel, wie das rechtlich in Ordnung geht…


PRODUKTE MIT STEVIA

Na dann nehmen wir doch lieber die Produkte, in die Stevia ehrlich eingearbeitet ist.
Schokolade oder Kekse zum Beispiel… 
Die sind super. 
Vor allem, nachdem bitter "maskiert" wurde schmeckt man fast keinen Unterschied mehr… 

Aber Moment! Wie war das nochmal mit dem Volumen? Mist. 

Wie bekommt man denn jetzt 100 Gramm Schokolade auf 100 Gramm, wenn das Süss auf einmal 200x kleiner und auch leichter ist. 

Oder die Kekse? Na, bei denen ist das leicht. 
Einfach etwas mehr Mehl… Von dem guten. Aus Weizen. 
Dem, mit den schnellen Kohlenhydraten… Oh hai!? War da nicht was? Mit Energie und so…? Die Kohlenhydrate aus Zucker gespart und mit denen aus Weizen getauscht… Hm… 

Aber was ist denn jetzt mit der Schokolade? Eine herkömmliche quadratische zum Beispiel gibt als Zutaten ausser Zucker noch Kakaomasse, Sahnepulver, Kakaobutter, Milchzucker, Emulgator Lecitin und natürliches Aroma an. 

Jetzt gibt es drei mögliche Herangehensweisen. Ich versetze mich jetzt mal in die Lage des Schokoladenherstellers mit dem 100 Gramm-Problem…

1) Ich erhöhe die energiemässig am wenigsten ungünstige Zutat der Menge nach und trage dem eigentlichen Ziel, warum ich überhaupt Stevia beizufüge, Rechnung…

2) Ich erhöhe den Anteil der Zutat, die am kostengünstigsten ist.

3) Ich überlege mir eine vollkommen neue Zutat, die in der Tabelle dann nicht mehr als Zucker auftauchen muss… Damit es wenigstens Sinn macht, Stevia als Werbebotschaft aufzudrucken…

Hach, da fällt die Entscheidung wirklich schwer…

Aber als guter Produzent von Lebensfreude steht in jedem Fall das Wohl des Verbrauchers im Zentrum meines Entscheidungsprozesses. Natürlich. So natürlich, wie die Stevia in E960.



DOCH LIEBER GRÜN STATT WEISS?

Was bleibt ist, auf die Pflanze selbst zurück zu greifen und die Dinge selbst zu machen. Das allerdings birgt ein kleines Problem… 

Stevia als Lebensmittel zu verwenden ist in der EU derzeit schlichtweg illegal. 
Man kann die Pflanze zwar kaufen, aber der Einsatz in Lebensmitteln ist nur für die Variante E960 zugelassen.

Das kann einem jetzt ja wurscht sein, es soll auch Menschen geben, die Hanfprodukte rauchen, obwohl das nicht erlaubt ist. 

Aber so ganz ohne ist es nicht. Denn SOLLTE irgendetwas an den Untersuchungen dran sein, dass Stevia gesundheitliche Probleme erzeugen KÖNNTE und SOLLTE ein Zusammenhang hergestellt werden können, dann stellt sich durchaus die rechtliche Frage, wer die Kosten der Krankenbehandlung zu trage habe. Ich sehe zumindest die Möglichkeit, dass da eventuell Rückforderungen der Krankenkassen möglich wären. Was je nach Art der Behandlung durchaus Existenz bedrohend werden könnte. Mag Euch jetzt weit her geholt sein, aber ist ja meine Sache, wie ich das Risiko für mich einordne… Und für das bisschen natürliche Süsse riskiere ich das einfach nicht.

Noch viel weniger werde ich das Risiko für meine KKler eingehen. Abgesehen von der Haftungsfrage geht es mir ja darum, dass wir unsere Erfolge tatsächlich natürlich und gesund erreichen.

Mit dem weissen Pulver werde ich sicher auch kein Freund mehr, nach den Erkenntnissen.


WENIGSTENS EINE KONSTANTE

Aber ich bin froh, dass Coca Cola meinen Eindruck weiter verstärkt hat, dass sie im Sinne der Verbraucher Lebensfreude und Gesundheit unter die Menschen bringen, und das diesmal sogar mit der künftigen Verwendung eines rein natürlichen Produktes aus dem Urwald.


FAZIT

Für mich persönlich lässt alles obige nur 2 Schlüsse zu:

Erstens werde ich weder von der Pflanze als noch viel weniger von dem weissen Pulver für meine eigenen Zwecke Gebrauch machen.

Zweitens – aus reinem Verantwortungsbewusstsein und unter der Prämisse, natürlich und gesund abnehmen zu wollen KANN es weder für die Pflanze (rechtlich) noch für das weisse Patentpulver (natürlich?) eine Freigabe unter KK geben.


ZUM GUTEN SCHLUSS
Eines noch zum Schluss. Es steht nach wie vor im Raum, dass Süssstoffe aller Art im Körper Hunger-Reaktionen auslösen, die aufgrund der Tatsache entstehen, dass der Körper Süsse Energie erwartet aber nicht bekommt. Für Stevia habe ich keine Studien gefunden, dass das der Fall sei, was aber nicht heissen muss, dass dieser Effekt mit Stevia nicht entsteht. 

Ich bin sehr gespannt auf die ersten Berichte, nach denen das getestet wurde. 
Ich würde das echt gern selbst machen, aber leider habe ich gerade keine Ratte zur Hand.
Aber ich habe da so eine Vermutung, wie die Ratte reagieren würde...

Bis später.

Kommentare:

Yvonne hat gesagt…

Wow! Danke für deine Recherche! Habe mich nie wirklich mit Alternativen zu Zucker (außer Honig) beschäftigt und nachdem was ich jetzt gelesen habe erst recht nicht!!! Vielen Dank ;-)

Gwenstical hat gesagt…

Das ist ja heftigst. Ich bin sehr gespannt auf die Videos zum Thema.

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